Bollywood & indisches Kino

Bollywood & indisches Kino

Indien ist die größte Filmnation der Welt. „Bollywood“, die Hindi-Filmindustrie aus Mumbai, ist nur ein Teil davon – daneben stehen ebenso große Kinowelten in Südindien. Farbenprächtige Musik- und Tanzfilme sind ein nationales Bindeglied und für Reisende ein faszinierender Schlüssel zur Popkultur des Landes.

Kaum etwas verbindet das riesige, vielsprachige Indien so sehr wie das Kino. Filme sind hier nicht bloß Unterhaltung, sondern gemeinsames Erlebnis, Gesprächsstoff und Traumfabrik zugleich – ihre Lieder kennt vom Norden bis in den Süden fast jeder. Mit Tausenden Produktionen pro Jahr und Milliarden verkauften Kinokarten ist Indien die produktivste Filmindustrie der Welt. „Bollywood“ ist dabei nur das bekannteste Aushängeschild. Für Reisende ist das Kino ein wunderbarer Zugang zur indischen Gegenwartskultur – und ein Kinobesuch vor Ort ein Erlebnis für sich. Schon die schiere Dimension beeindruckt: Jahr für Jahr entstehen in rund einem Dutzend Sprachen weit über tausend Filme, und an einem einzigen Tag lösen Millionen Menschen im ganzen Land eine Kinokarte. Dieser Überblick erklärt, was Bollywood ausmacht, welche anderen Filmwelten es gibt und wo man dem Kino auf einer Reise begegnet. Wer Mumbai besucht, findet mehr im Mumbai-Reiseführer.

BollywoodHindi-Kino aus Mumbai
Weitere ZentrenTollywood (Telugu), Kollywood (Tamil), Malayalam, Kannada
Produktiongrößte Filmindustrie der Welt (Zahl der Filme)
TypischMusik, Tanz, Drama, Romantik, 2–3 Std. Länge
Hauptstadt des FilmsMumbai (Maharashtra)
ErlebnisKinobesuch, Filmstadt, Drehorte im ganzen Land

Was ist Bollywood eigentlich?

Bollywood – ein Kofferwort aus „Bombay“ (dem alten Namen Mumbais) und „Hollywood“ – bezeichnet die Hindi-sprachige Filmindustrie mit Zentrum in Mumbai. Typisch sind aufwendige, oft zwei bis drei Stunden lange Filme, die Genres mischen: Romantik, Familiendrama, Komödie und Action verschmelzen, unterbrochen von opulenten Musik- und Tanznummern, die an spektakulären Orten gedreht werden. Diese Lieder sind eigenständige Hits und laufen oft schon vor dem Film im Radio. Werte wie Familie, Ehre, Liebe und Schicksal stehen im Mittelpunkt; das Gute siegt meist am Ende. Bollywood prägt in Indien Mode, Musik und Sprache und strahlt weit über die Landesgrenzen aus – in die indische Diaspora, den Nahen Osten, Afrika und zunehmend auch nach Europa. Es ist damit weit mehr als Kino: ein kulturelles Massenphänomen.

Warum ist „Bollywood“ nur ein Teil des indischen Kinos?

Ein verbreiteter Irrtum ist, ganz Indien sei „Bollywood“. Tatsächlich ist die Hindi-Industrie nur eine von vielen. Mindestens ebenso mächtig sind die südindischen Filmwelten: das Telugu-Kino „Tollywood“ aus Hyderabad, das tamilische „Kollywood“ aus Chennai sowie das hoch angesehene Malayalam-Kino Keralas und das Kannada-Kino Karnatakas. Gerade die Südindustrien haben zuletzt mit aufwendigen Blockbustern weltweit für Furore gesorgt und drehen technisch oft an der Spitze. Dazu kommen ein wachsendes, international gefeiertes Independent- und Arthouse-Kino sowie das klassische bengalische Autorenkino in der Tradition Satyajit Rays. Diese Vielfalt spiegelt Indiens sprachliche Landkarte wider – jede große Sprachregion hat ihr eigenes Starsystem, ihre eigenen Legenden und ihr eigenes Publikum.

Bunte Silhouetten klassischer indischer Tänzerinnen in prächtigen Kostümen auf einer Bühne
Farbenprächtige Musik- und Tanzszenen gehören zum Herz des indischen Kinos.

Wo begegnet man dem Film auf einer Reise?

Filmbegeisterte finden in Indien viele Anknüpfungspunkte. In Mumbai führen Touren zu den Villen der Stars, den Studios und der Traumfabrik; die Filmstadt (Film City) im Norden der Stadt ist ein riesiges Gelände voller Kulissen. In Hyderabad lädt der Themenpark Ramoji Film City, einer der größten Filmkomplexe der Welt, zum Besuch. Überall im Land stößt man zudem auf Drehorte: Paläste in Rajasthan, die Seen von Udaipur, die Berge Kaschmirs und Himachals oder die Strände Goas dienten unzähligen Filmen als Kulisse. Das größte Erlebnis aber ist ein Kinobesuch selbst – am besten in einem der prächtigen alten Filmpaläste. Auch die allgegenwärtigen, oft von Hand gemalten Filmplakate und die riesigen Werbetafeln über den Straßen sind ein fotogenes Stück indischer Popkultur. In den Basaren stapeln sich DVDs und Musik-CDs der neuesten Hits, aus Läden und Bussen dröhnen die aktuellen Filmsongs, und selbst kleine Restaurants tragen die Namen berühmter Filme oder Stars. So begegnet einem das Kino auf einer Indien-Reise praktisch überall – nicht nur auf der Leinwand, sondern als selbstverständlicher Teil des Alltags und der Straßen.

Geheimtipp

Geh in Mumbai in das legendäre Art-déco-Kino Regal oder das prunkvolle Liberty Cinema – oder in irgendein volles Einheimischen-Kino im Land – und schau dir einen aktuellen Bollywood-Film an, auch ohne ein Wort Hindi zu verstehen. Das Publikum macht die Vorstellung zum Erlebnis: Es jubelt beim ersten Auftritt des Stars, pfeift, klatscht im Takt der Songs und lacht und weint lautstark mit. In der Pause (das „Interval“) gibt es Samosas und Chai. Dieses gemeinschaftliche, herzhaft laute Kinoerlebnis ist ein Stück lebendige indische Alltagskultur, das man in keinem Reiseführer-Museum findet – und garantiert eine der lustigsten Erinnerungen der Reise.

Wie prägt das Kino die indische Gesellschaft?

Der Einfluss des Films auf Indien ist kaum zu überschätzen. Filmstars genießen einen gottgleichen Status; einige sind zu Politikern aufgestiegen, im Süden wurden Schauspieler sogar Ministerpräsidenten. Kinolieder begleiten Hochzeiten und Feste, Filmmode bestimmt, was junge Leute tragen, und Dialoge werden zu geflügelten Worten. Zugleich ist das Kino ein gesellschaftlicher Spiegel und Motor: Filme greifen zunehmend Themen wie Frauenrechte, Korruption, Kastendiskriminierung oder psychische Gesundheit auf und stoßen breite Debatten an. In einem Land mit Dutzenden Sprachen und Religionen schaffen die großen Filme ein gemeinsames emotionales Erleben – einen kulturellen Kitt, der Millionen unterschiedlicher Menschen für zweieinhalb Stunden im Dunkel des Kinosaals vereint. Wer Indien verstehen will, sollte sein Kino kennen. Bemerkenswert ist auch die wirtschaftliche Bedeutung: Die Filmindustrie beschäftigt Hunderttausende, von Technikern über Musiker bis zu den Betreibern der unzähligen Kinos, und ist ein wichtiger Kulturexport, der das Bild Indiens in der Welt prägt. Für Reisende schließt sich damit ein Kreis – wer die Paläste Rajasthans, die Berge Kaschmirs oder die Strände Goas besucht, betritt zugleich die Kulissen vieler geliebter Filme und sieht die Orte plötzlich mit anderen Augen.

Wie hat sich das indische Kino entwickelt?

Das indische Kino ist fast so alt wie der Film selbst. Bereits 1913 entstand mit „Raja Harishchandra“ der erste abendfüllende Stummfilm; mit dem Tonfilm der 1930er hielten dann auch die für Indien so typischen Lieder Einzug. Es folgte in den 1950er- und 60er-Jahren ein „Goldenes Zeitalter“ mit poetischen Melodramen und Sozialstudien, deren Stars bis heute Legenden sind. In den 1970ern verkörperte Amitabh Bachchan als „zorniger junger Mann“ das Lebensgefühl einer ganzen Generation. Die 1990er brachten die großen romantischen Familienepen, die auch die indische Diaspora im Ausland eroberten. Seit den 2010ern schließlich verwischen die Grenzen zwischen den Sprachindustrien: Aufwendige „Pan-India“-Blockbuster aus dem Süden werden gleichzeitig in mehreren Sprachen veröffentlicht und brechen weltweit Rekorde. Parallel gewinnt ein realistischeres, gesellschaftskritisches Kino an Boden, das auch auf internationalen Festivals gefeiert wird. Diese Entwicklung spiegelt Indiens eigenen Weg – von der Unabhängigkeit über die wirtschaftliche Öffnung bis zur selbstbewussten Gegenwart.

Welche Filme sind ein guter Einstieg?

Wer sich dem indischen Kino nähern möchte, muss keine Sprachkenntnisse mitbringen – die meisten bekannten Filme gibt es mit englischen Untertiteln bei den großen Streamingdiensten. Für den Einstieg eignen sich die großen, mitreißenden Familien- und Musicalfilme ebenso wie die zuletzt gefeierten Südindien-Epen mit ihren spektakulären Bildern. Wer es leiser und realistischer mag, findet im gefeierten Independent-Kino stille, tief berührende Geschichten über den indischen Alltag. Ein guter Tipp ist, vor der Reise ein, zwei Filme aus der Zielregion zu schauen – ein Bollywood-Klassiker vor Nordindien, ein tamilischer oder Malayalam-Film vor dem Süden. So bekommt man ein Gefühl für Musik, Mode und Lebensart, erkennt später Drehorte wieder und hat sofort ein Gesprächsthema, das in Indien überall verbindet. Und wer einmal die Ohrwürmer der Filmsongs im Kopf hat, versteht schnell, warum dieses Kino ein ganzes Land verzaubert.

Was bedeutet der Begriff Bollywood?

Bollywood ist ein Kofferwort aus „Bombay“ (heute Mumbai) und „Hollywood“ und bezeichnet die Hindi-sprachige Filmindustrie mit Sitz in Mumbai – nicht das gesamte indische Kino.

Ist ganz Indien Bollywood?

Nein. Neben Bollywood gibt es ebenso große Filmwelten wie das Telugu-Kino (Tollywood), das tamilische Kollywood sowie das Malayalam- und Kannada-Kino. Jede Sprachregion hat ihr eigenes Starsystem.

Kann man in Indien ins Kino gehen, ohne Hindi zu können?

Unbedingt. Das laute, mitfiebernde Publikum macht den Besuch zum Erlebnis, auch ohne Sprachkenntnisse. Manche Filme laufen zudem mit englischen Untertiteln.

Warum sind indische Filme so lang und voller Musik?

Die langen Filme mit Tanz- und Musiknummern bieten für den Kartenpreis ein rundes Unterhaltungspaket. Die Lieder sind eigenständige Hits und tragen wesentlich zum Erfolg eines Films bei.

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